Zeit los zu lassen
Es wird Zeit loszulassen.
Nicht mit Wut, nicht mit Kampf, nicht einmal mit großem Bedauern.
Das Alte – mit all seinen Vorstellungen, seinen Erwartungen, den Mustern, dem „so muss es sein“ – darf nun gehen.
Es ist Zeit, loszulassen.
Auch die Hoffnung, man könnte das marode System doch noch irgendwie retten oder wenigstens reparieren – das alles zieht einen nur mit runter.
Wie ein nasser Mantel, der einen in die Tiefe zieht, während man versucht, an der Wasseroberfläche zu bleiben.
Es reicht nicht mehr, hier und da etwas anzupassen. Ein bisschen mehr Achtsamkeit, ein wenig Optimierung, etwas bessere Ideen – all das sind nur Pflaster auf einem Körper, der schon länger nicht heilen will.
Wenn man es mit etwas Abstand betrachtet, wirklich gesund war es noch nie. Hat enorm viel Kraft gekostet. War ein hoher Preis, den man dafür bezahlt hat. War nie wirklich für einen da.
Was es jetzt wirklich braucht, ist weitaus radikaler: echtes Loslassen.
Kein „man lässt los, aber behält es mal im Blick“, sondern ein bewusstes Abwenden der gesamten Aufmerksamkeit.
Kein Festhalten mehr an Konstrukten, die längst ihre Tragkraft verloren haben.
Die ihre Legitimation längst verspielt haben und nur noch „das Beste“ zu wollen scheinen.
Man investiert Aufmerksamkeit, Energie und Liebe nicht länger in das, was war und nicht mehr halten will.
Es trägt schon längst nicht mehr.
Kein Dagegen. Keine Schuldzuweisung. Kein Feindbild.
Kein „die da oben“, kein „die da draußen“, … sind Schuld.
Kein Reagieren mehr auf das, was laut und wütend brüllt.
Jetzt ist Schluss damit. Hier endet es.
Jetzt hilft nur noch eins: das ganze Konstrukt links liegen lassen.
Wie ein altes Auto, das endgültig seinen Geist aufgegeben hat:
Man stellt es schlicht am Straßenrand ab und geht weiter.
Ist dies nun das Ende?
Vielleicht bedeutet es das Ende der alten Welt,
aber ganz sicher keinen Weltuntergang.
Vielleicht bedeutet Loslassen gar nicht das Ende,
sondern mehr den Beginn von etwas wahrhaft Neuem.